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Brüderliebe und die Flüchtlinge

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  • Beitrag zuletzt geändert am:Februar 13, 2017
  • Lesedauer:14 min Lesezeit

Es wird im Zuge der Flüchtlingskrise in christlichen Kreisen immer wieder der Jesus zitiert, mit dem Zitat: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40 – Luther). So hört man es in einigen Predigten und die auch die EKD beruft sich auf diesen Vers EKD um den Flüchtlingen zu helfen.

Es ist exegetisch falsch und theologisch inkorrekt ihn auf die Flüchtlinge zu beziehen, mit Ausnahme von christlichen Flüchtlinge. Denn der Vers ist komplett aus dem Zusammenhang gerissen und umgedeutet.

Brüderliebe, Nächstenliebe, Feindesliebe

Dieser Satz kommt nur in Matthäus vor, nirgends sonst in den synoptischen Evangelien. Jesus redet hier von Brüdern. Das Wort Brüder ist der Schlüssel um den Vers zu verstehen. Was bedeutet also das Wort „Brüder“?

In den bekannten Aussagen Jesus spricht er einmal von Brüderliebe (wie hier in dem Fall), Nächstenliebe und Feindesliebe. Es gibt also drei Kategorien, die wir einzeln betrachten werden.

Das bekannteste Beispiel von Feindesliebe ist in der Bergpredigt, „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5, 44). Genauso meint Jesus in der Bergpredigt in Lukas 6,27: „Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen“ und in Lk 6,35 „Vielmehr liebt eure Feinde; tut Gutes und leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft. So wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.“ Jesus fordert uns dreimal auf unsere Feinde zu lieben. Das ist Grund genug dieser Aufforderung Folge zu leisten. Jesus sagt sogar, dass Feindesliebe aussichtslos scheint, aber nicht hoffnungslos ist. Es ist immer noch in Frage zu stellen, ob Feinde in dem Kontext nicht persönliche Feinde sind und nicht im politischen Zusammenhang. Wie dem auch sei, der Begriff ist sicher dehnbar und auf politische Feinde ausweitbar. Aber es macht Flüchtlinge dann zu Feinden und zu denjenigen die uns hassen. Radikale Moslems sind unsere Feinde (wie IS und Co.), ihnen sollen wir Gutes tun und für sie beten. „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Mt 5,44-45) Passt das jedoch in unser Verständnis von Flüchtlingen? Jemand der bei uns Schutz sucht ist im Normalfall kein Feind. Jesus verspricht übrigens, dass er die Feinde selbst beseitigt, „bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache.“ (Lk 20,43, Zitat von Ps 110,1) und so ganz friedfertig scheint das nicht zu sein.

Also wäre noch die Nächstenliebe. Jesus zitiert 3. Mose 19,18 indem er sagt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Er greift das in der Bergpredigt vor der Aussage mit der Feindesliebe auf und baut drauf sein Argument der Feindesliebe auf (Mt 5,43) und verschärft die Nächstenliebe. Dann kommt die Nächstenliebe in der Frage der Schriftgelehrten nach dem höchsten Gebot vor (Mt 22,39). Jesus macht die Nächstenliebe damit zum höchsten Gebot.

Damit kommen wir zu der Frage, wer ist denn der Nächste? Das letzte Mal taucht die Nächstenliebe in Lukas 10,27 auf, wo ein Schriftgelehrter Jesus reinlegen wollte. Der fragt Jesus wie man ewiges Leben bekommen kann. Er antwortet nicht mit Glaube oder Wiedergeburt wie bei Nikodemus, sondern mit dem Einhalten der Gebote. Er lässt den Schriftgelehrten selber die Antwort geben und es ist die Antwort die wir kennen, „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst“. Hier geht es gar nicht darum zu zeigen, dass man durch Taten in den Himmel kommt. Sondern, dass der Schriftgelehrte selbstgerecht und heuchlerisch ist. Er hält es selbst nicht was er sagt, denn er versucht sich mit der Frage nach dem Nächsten raus zu reden. Es geht hier übrigens nicht um irgendeinen Nächsten, sondern um „meinen“ Nächsten. Der Schriftgelehrte scheint sich damit herausreden zu wollen, dass er im Prinzip ein guter Mensch ist. Jesus erzählt daraufhin die Geschichte des barmherzigen Samariters, die allen so gut bekannt ist. Es gehen zwei Menschen an dem überfallenen vorbei, ein Priester und ein Levit. Was war wohl der Schriftgelehrte? Der Priester oder der Levit. Zweifelsohne hat er sich dabei selbst entlarvt. Jesus tut den Schriftgelehrten (wir wissen nicht ob er Sadduzäer oder Pharisäer war, normalerweise wird es genannt, sollte es relevant sein) aufzeigen, dass er der ist der vorbei geht. Beide die auf der Straße vorüber gehen, sehen den Mann und gehen dennoch vorbei. Jesus sagt dem Schriftgelehrten, „auch du bist vorüber gegangen als du die Gelegenheit gesehen hattest“. Der, der handelt ist derjenige von dem man es am wenigsten erwartet – ein Samaritaner, wohlgemerkt ein Feind der Juden. Hier werden die Nächstenliebe und die Feindesliebe gleich gestellt. Die Samaritaner glaubten, dass Gott nicht im Tempel von Jerusalem angebetet werden soll, sondern auf dem Berg Garizim in Samaria. Jesus kritisiert hier das kultische System, das genauso heuchlerisch ist wie der Schriftgelehrte, er ist nur ein Repräsentant dessen. Jesus stattdessen dreht die Frage um. Wer von den dreien ist dem Armen am nächsten? Der Schriftgelehrte antwortet prompt, derjenige der gehandelt hat. Jesus sagt also, „gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Es reicht nicht das Gesetz zu kennen, sondern es muss angewendet werden sonst ist man ein Heuchler. Aber der Nächste ist nicht irgendwer. Sondern er hat drei Eigenschaften. Erstens, er ist ein Bedürftiger, der meiner Hilfe braucht, ich habe das Problem gesehen und er braucht meine Hilfe. Zweitens, er ist unmittelbar in meiner Nähe. Ich muss nicht auf Distanz zu ihm gehen oder ihn suchen. Er ist mit seinem Problem greifbar. Drittens, er ist mittelbar für mich. Also ich kann ihm auch helfen und das Problem ist lösbar für mich. Ja es kostet dem Samaritaner und auch mich etwas ihm zu helfen, aber genau das ist meine Aufgabe.

Trifft das auf die Flüchtlinge zu? Sicherlich. Jesus gibt uns nicht die Aufgabe die ganze Welt zu retten, sondern demjenigen der des nötig hat und zu dem ich Nähe habe. Also bezieht sich das auf die Menschen, wo ich sehe das sie Hilfe brauchen und ich ihnen helfen kann. Das sind Flüchtlinge und auch alle anderen die Hilfe brauchen. Es sich auch ganz sicher gerade die Flüchtlinge die in meiner Nähe sind und denen ich mit meinen Möglichkeiten helfen kann. Um Flüchtlingen in den Lagern in der Türkei oder Jordanien zu helfen, dazu habe ich in der Regel eher weniger die Möglichkeit. Das erfordert meine Einsatz und meine Zuwendung. Aber es bedeutet auch, dass ich eben nicht dastehen kann und sie willkommen heiße, dafür bin das Flüchtlinge zu uns kommen und dann aber nichts für sie tue, denn schließlich muss der Staat dafür was tun oder die Reichen, die sind auch dafür verantwortlich. Nein ich bin gefragt, denn ich kenne die Aufforderung des Gesetzes und die Aufforderung Jesu den Menschen in der Not zu helfen. Wer das zwar sagt, aber nicht tut, der ist nach Jesu Auffassung ein Heuchler. Also Ja, man kann dieses Gleichnis auf die Flüchtlinge übertragen und es schließt sicherlich auch die Feindesliebe ein.

Aus dem Kontext

Aber der eingangs zitierte Vers in Mk 25,40 bezieht sich allerdings aber nicht auf Flüchtlinge sondern auf Christen. Dass sich auch unter den Flüchtlingen hilfsbedürftige Christen befinden ist genau der Punkt, denn darum geht es in dem Kontext des Verses. Was ist also der Kontext de Verses? In Matthäus 24-25 geht es um die Ankündigung der Endzeit und des Weltgerichtes, vor Jesu Tod. Der unmittelbare Kontext des Verses 25,31-46 handelt vom Gericht über die Heidenvölker. Jesus wird beim Gericht die Heiden richten und sie in Gerechte/Gläubige und Ungerechte/Ungläubige einteilen. Die Gerechten bekommen das ewige Leben, dafür dass sie sich um die geringsten seiner Brüder gekümmert haben. Jesus wiederholt die Aufforderung dem Fremdling zu helfen und ihn zu beherbergen, die Armen zu kleiden, die Kranken zu pflegen und die gefangenen zu besuchen. Das Augenmerk in der Debatte liegt hier auf dem Fremdling. Das Wort Fremdling ist das Triggerwort, was alle automatsch den Vers und damit das Fazit Jesu den Brüdern zu helfen, zu Flüchtlingen werden lässt. Der Fremdling ist aber mehr als nur Flüchtling, sondern jeder Fremde. Nimmt man den Vers 35, 38, 43 und 44 aus dem Kontext kann man es durchaus auf Flüchtlinge anwenden. Aber Jesus fasst es abschließend zusammen, dass es man auf die geringsten Brüder anwenden soll (Verse 40 + 45).

Brüder im Kontext des NT

Wir müssen uns also fragen wer sind denn die Brüder bei Jesus oder wie werden sie im NT verwendet? Im AT werden die Brüder ausschließlich auf die Menschen des Volkes Israel angewandt (z.B. 2 Mo 2,11), es sei denn es handelt sich um leibliche Brüder. Auch im NT spricht Jesus von leiblichen Brüdern, aber schon da wo seine Mutter und seine Brüder mit ihm reden wollen, weitet er den Begriff der Brüder aus und überträgt es auf seine Jünger (Mt 12,46-50). Er versteht also unter Brüder die Jünger. Genau dasselbe berichtet Markus in 3,31-34 und Lukas in 8,19-8,21. Da es in den drei synoptischen Evangelien vorkommt, scheint es von besonderer Bedeutung bei allen der drei Evangelisten zu sein. Jesus weitet den Begriff der Brüder von den leiblichen Brüdern auf die geistlichen Brüder aus. Jesus kennt unter Brüder nur die leiblichen Brüder (Mt 19,29; 22,25; Mk 10,30, Mk 12,20; Lk 16,28; Lk 18,29; Lk 20,29; Lk 21,16; Jo 21,23) oder eben die geistlichen (Mt 23,8; Lk 14,26; Lk 22,32; Jo 20, 17). Sonst kommt der Begriff in keiner anderen Verwendung vor, außer wenn die jeweiligen Evangelisten über leibliche Brüder sprechen, was hier nicht aufgezählt wurden ist.

Im Rest des NT sind die Brüder fast ausschließlich die Mitglieder der Gemeinde. In der Apostelgeschichte kommen noch die leiblichen Brüder der Apostel vor, aber sonst eigentlich nicht mehr (außer im Hebräerbrief). Paulus redet die Mitglieder der Gemeinden immer als Brüder an. Der Begriff Brüder bezeichnet fast ausschließlich Mitchristen und nicht Flüchtlinge. Eine Ausweitung des Begriffs ist also nicht möglich. Da der Kontext unseres Verses auf die Endzeit bezogen ist, wäre es interessant die Offenbarung zu konsultieren. Dort kommt der Begriff vor in Bezug auf den Satan, der der Ankläger der Brüder ist. Wozu braucht man einen Ankläger der Brüder wenn mit Brüder alle Menschen gemeint sind und warum spricht Paulus dann von falschen Brüdern, sind das falsche Mitmenschen? Das Zitat „alle Menschen werden Brüder“ stammt übrigens aus der Ode an die Freude und nicht aus dem Evangelium. Sonst wird Brüder der Begriff in der Offenbarung für diejenigen verwendet, die Zeugnis für Jesus Christus ablegen (Offb 6,11; 19,10; 22,9) und das sind in der Offenbarung die Märtyrer (von gr. martyrein – bezeugen).

In Anbetracht dessen, was der Gebrauch von Brüder im NT und v.a. bei Jesus ist, müssen wir den Vers auf Mitchristen beziehen und damit bezieht sich die Aufforderung Jesu in den Versen davor nur auf die Mitchristen. Denn Jesus sagt ganz klar, die Brüder sind „[…] wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“ (Mt 12, 50), „[…] wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ (<a href="http://www.bibleserver.com/text//Mark3" onclick="__gaTracker('send', 'event', 'outbound-article', 'http://www cloud collaboration tools.bibleserver.com/text//Mark3′, ‚Mk 3‚);“ class=“bibleserver extern“ target=“_blank“>Mk 3,35) und „[…] diese, die Gottes Wort hören und tun.“ (Lk 8,21).

Fazit

Der Kontext in dem das Wort Brüder im NT verwendet wird ist also ausschließlich auf Christen zu beziehen und niemanden sonst. Alles andere ist irreführend. Wenn man also behauptet, dass es sich bei den Brüdern um Flüchtlingen handelt, liegt exegetisch falsch. Man tut etwas in den Text hineininterpretieren was in dem Text gar nicht dasteht.

Aber man kann die Aufforderung Flüchtlingen zu helfen durchaus aus anderen Stellen beziehen. Zum einen aus der Feindesliebe und der Nächstenliebe. Aber leider nicht aus der Brüderliebe, die bleibt den Christen vorbehalten. Jesus richtet also nachdem wir andere Christen behandeln (passt auch zum Gebot die Mitchristen zu lieben – Joh 13,35). Es ist im definitiv im Sinne Jesus den Flüchtlingen zu helfen. Aber man kann das nicht mit diesem Vers begründen. Sondern dieser Vers fordert uns auf, uns in besonderer Weise um die verfolgten christlichen Flüchtlinge zu kümmern und das sollten wir anfangen so schnell wie möglich zu tun!

 

Quellen: http://www.domradio.de/themen/fluechtlingshilfe/2016-02-01/nach-aeusserungen-zu-schusswaffeneinsatz-gegen-fluechtlinge

http://www.spex.de/2015/12/10/was-ihr-fuer-einen-meiner-geringsten-brueder-getan-habt-das-habt-ihr-mir-getan-mt-2540/

http://www.mittelbayerische.de/region/schwandorf/gemeinden/neunburg/die-naechstenliebe-stand-im-fokus-22393-art1328631.html

 

Bild: http://www.swordofthespirit.net/